Hochschulstandort Prüfening: Ein Gesamtkunstwerk

Der denkmalgeschützte Standort Prüfening war zum Zeitpunkt der Entstehung in den 50er- und 60er-Jahren herausragend innovativ.

Jubiläumsgeschichte Gesamtkunstwerk Prüfening
Foto: OTH Regensburg/Stefan Hanke

Am liebsten betritt Stefan Krabatsch den Gebäudekomplex vom sogenannten Präsidenteneingang aus, vorbei an den filigranen, silbernen Wandpaneelen im Windfang, die Hand an den nierenförmigen Türgriffen. Und schon steht der Abteilungsleiter des staatlichen Bauamts vor dem imposanten Wandgemälde des Künstlers Willi Ulfig, dessen vier miteinander verbundene Hauptszenen sich über das Treppenhaus bis in den ersten Stock erstrecken. „Es ist zwar reine Spekulation, weil es keine Aufzeichnungen darüber gibt. Aber für mich deutet alles darauf hin, dass die Szenen einen Bezug zu einer Lehranstalt haben“, sagt Krabatsch und erläutert ausführlich die Episoden um sehnsuchtsvolle Blicke eines Kindes, Ruderwettkampf oder einen Vortragenden inmitten geometrischer Formen.

Wenn er dabei von den „wundervollen Details“ schwärmt – etwa dem frechen Studenten, der dem Präsidenten neben dessen Tür quasi „das Licht ausknipst“ – und in der arkadischen Szene des Obergeschosses Bezüge zu Leonardo da Vinci herstellt, wird klar: Krabatsch ist wohl der leidenschaftlichste Liebhaber und kundigste Experte dieser Räume. Seit 2018 ist der Gebäudekomplex aus der Zeit des westdeutschen Wiederaufbaus der Adenauer-Ära eingetragenes Denkmal, weshalb Krabatsch jüngst den Standort gemeinsam mit dem Regensburger Fotografen Stefan Hanke in mehr als 3.000 Fotos dokumentarisch erfasst hat. „Wir haben hier ein Gesamtkunstwerk aus Architektur, Wandmalereien und kunsthandwerklichen Details, etwa bei Fliesen, Geländern, Ausstellungsvitrinen und der Material- und Farbwahl der Wandoberflächen“, erläutert er und spricht von „hoher baukünstlerischer Qualität“. Die Substanz ist weitgehend im Originalzustand erhalten.

Im Wesentlichen entstand das Gebäude in zwei Bauabschnitten. Für die damalige Bauschule schuf der Architekt Hans Wenz 1952 den ersten Trakt. Dafür orientierte er sich an der konservativen Schweizer Moderne der Vierzigerjahre sowie an den frühen Arbeiten von Sep Ruf, einem der bedeutendsten Architekten der Fünfzigerjahre in Bayern. Wenz wollte dadurch mit der nationalsozialistischen Architektur der Vorkriegszeit brechen. Von 1958 bis 1961 wurde für das neu entstandene Polytechnikum der zweite Bauabschnitt errichtet. Architekt war Hans Beckers, ein Schüler des renommierten Architekten und Münchner Hochschullehrers Theodor Fischer. Beckers selbst zählt eigentlich zu den herausragenden Kirchenarchitekten des vergangenen Jahrhunderts in Ostbayern und bezieht sich mit dem modernen und eleganten Erweiterungsbau in Prüfening auf skandinavische Vorbilder wie Arbeiten des Dänen Arne Jacobsen,des Schweden Sven Markelius und des Finnen Alvar Aalto. „Regensburg verfügt damit über ein in Bayern nur noch selten anzutreffendes zeitgeschichtliches und bauhistorisches Dokument aus der Nachkriegszeit“, betont Krabatsch. „Das ist eine tolle Besonderheit für die OTH Regensburg, fast mit Alleinstellungsmerkmal, mit großen Chancen und Potenzial. Darauf kann die Hochschule stolz sein.“

  • Diese Geschichte ist Teil unseres Jubiläumsmagazins, das im Sommersemester 2021 erscheinen wird.