Vom Schreiten und Steigen

Das Friedrich-Mielke-Institut für Scalalogie ist weltweit das einzige seiner Art.

Jubiläumsgeschichte Scalalogie
Foto: OTH Regensburg/Florian Hammerich

Die ungewöhnliche Treppe, die Prof. Dr. Ulrike Fauerbach als Holzmodell in den Händen hält, konnte sie schon im Original beschreiten. „Das hat unheimlich Spaß gemacht; ich habe mich gefühlt wie ein Kind auf dem Spielplatz“, schwärmt die Prodekanin der Fakultät Architektur und schildert, wie die unterschiedlich langen und verschieden hohen Stufen ihren Gang automatisch beschleunigten und abbremsten. „Die Treppe macht etwas mit dem Körper. Sie beschwingt. Ich finde es toll, dass die Architektur unmittelbar auf den Körper wirkt.“ Die Wechselwirkung zwischen Mensch und Treppe, das sogenannte Steigeverhalten, ist ein wichtiger Forschungsgegenstand der Scalalogie, einer Wissenschaft, die sich speziell den
Treppen widmet. Die OTH Regensburg beherbergt als einzige Hochschule weltweit ein eigenes Institut für Treppenforschung. Hervorgegangen ist es aus der umfassenden Privatsammlung des Architekten Prof. Dr. Friedrich Mielke, in dessen Haus Prof. Dr. Fauerbach einst die außergewöhnliche Treppe im Original ausprobieren konnte. Heute leitet die Professorin für Baugeschichte und Historische Konstruktionen das Friedrich-Mielke-Institut für Scalalogie (FMIS).

2012 hatte Prof. Dr. Mielke sein Lebenswerk der OTH Regensburg überlassen, das Prof. Joachim Wienbreyer bis zu seiner Emeritierung verwaltete und ausbaute. Das Institut verfügt über etwa 15.000 Dossiers über Treppen aus der ganzen
Welt, mehr als 35.000 Bilder, zahlreiche Pläne und Aufmaße von Treppen und Geländern, viele Modelle, Originalteile von Treppen und Geländern sowie eine Fachbibliothek.

Ausstellung in Venedig

Jubiläumsgeschichte Scalalogie - Treppenmodelle
Foto: OTH Regensburg/Florian Hammerich

Für die Aufbereitung der ehemaligen Privatsammlung ist vor allem Sophie Schlosser zuständig. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin half das Material zu systematisieren und überführt es nun in eine digitale Datenbank, die internationalen Forscher*innen zur Verfügung stehen soll. „Wir bekommen Anfragen aus der ganzen Welt“, erzählt Schlosser und berichtet etwa vom Ersuchen einer Doktorandin aus Kolumbien und eines Fachmagazins aus der Schweiz. Große Aufmerksamkeit wurde dem Institut auch 2014 zuteil, als es bei der Gestaltung eines Raumes in der zentralen Ausstellung „Elements“ der 14. Architektur-Biennale in Venedig mitwirken konnte.

Dass die Treppenkunde ein spannendes und vielschichtiges Feld ist, davon vermag Prof. Dr. Fauerbach ihre Zuhörer*innen mühelos zu überzeugen. So geht es in der Disziplin nicht nur um technische und funktionelle Aspekte der Bauwerke, sondern auch um künstlerische, historische oder soziale. „Mielke erkannte in seinen Forschungen einen Zusammenhang zwischen Stufenhöhe und gesellschaftlicher Stellung“, erläutert Prof. Dr. Fauerbach. Die Treppenstufen der Fürstbischöfe in Eichstätt, ergänzt Schlosser, maßen höchstens 16 Zentimeter, die des niederen Klerus bis zu 18 Zentimeter. Bürger*innen und Bedienstete mussten noch höhere Stufen erklimmen.

„Als älteste Treppe gilt die Treppe im Turm der Stadtmauer von Jericho, gebaut um 9000 vor Christus.“ Mit welcher Kreativität Menschen in aller Welt diese seither weiterentwickelt haben, davon gibt die Sammlung des Instituts einen vielfältigen
Eindruck. „In der Renaissance wurde die Treppe auch als Bestandteil eines höfschen Zeremoniells relevant“, erläutert die Institutsleiterin. „Ein spannendes Forschungsthema ist zum Beispiel, Treppenanlagen als Räume sozialer und zeremonieller Interaktion zu beleuchten“. Der aktuelle Fokus der Institutsarbeit liegt daher auf der Treppe im Raum und ihrer Beziehung zur Gebäudestruktur.